Interview mit Christina Schneider

Hallo Christina. Ich versuche dich mal kurz mit meinem zusammengestalktem Onlinewissen vorzustellen. Du bist Christina Schneider und hast im Saarland Mathematik studiert. Du hast in mehreren Saarbrücker Bars gearbeitet und bist 2009 nach Berlin gezogen und hast in der Shochu Bar als stellvertretende Barmanagerin angefangen. Seit Ende 2010 arbeitest du in der Envy Bar im nhow Hotel als Barmanagerin.Nun darfst du mich korrigieren, die Lücken schliessen und mich würde interessieren wie Du als Mathematikerin in die Barbranche gerutscht bist.

Wie bin ich von der Mathematik zur Bar gekommen ist eigentlich falsch rum, denn „Buffetkraft“ war ich schon in der Zeit zwischen meiner Lehre als Pferdewirtin und dem Studium. Musste für’s neue Leben bisl Knete verdienen und hatte noch’n halbes Jahr Zeit, also Job gesucht und in der Klostergaststätte Marienstadt gelandet – die härteste Schule, die man sich vorstellen kann, vor allem was die Bedeutung von Mise en Place angeht. Jedes Wochenende haben Unmengen von Reisebussen noch viel mehr Senioren ausgespuckt, die zu Hunderten gleichzeitig ihr Kännchen Kaffee, ihr Stück Schwarzwälder und natürlich auch ihre Rechnung haben wollten. Rock’n Roll sag ich dir! Mit dieser Nahkampfausbildung im Gepäck bin ich dann nach Saarbrücken und hab natürlich immer während dem Studium gejobbt, meist 2-3 Jobs gleichzeitig und eigentlich auch von Anfang an in Bars. Die erste war ein ganz gruseliger Tex-Mex-Happy-Hour-Schuppen, in dem buntes Saft-Sirup Geschubse wie am Fließband rausgeschossen wurde und man sich im bauchfreien, engen T-Shirt ständig besoffene Grapscher vom Leib halten musste. Danach wurd’s dann sehr schnell sehr viel besser mit den Bars, aber die glorreichen Anfänge erzähl ich immer wieder gerne. Meine letzte Station in Saarbrücken war die Leitung des „home“, einer schnuckeligen kleinen Bar, in der ich insgesamt fast 4 Jahre war.
Im Januar 2009 ging’s dann nach Berlin in die Marlene Bar. Da hab ich dann ne Horde wunderbarer, großartiger Barfrauen kennen gelernt, die einfach mal alle Typen locker in die Tasche gesteckt haben, mit denen ich die letzten 8 Jahre gearbeitet hatte. Dann Shochu und Envy, soweit war das zusammengestalkte Wissen richtig. ;)

2010 hast du mit 4 anderen Bartenderinnen den Sierra Margarita Club mitgegründet. Was verbirgt sich hinter diesem Club und was für Ziele habt ihr?

Sierra Margarita Club…den haben nicht wir gegründet, sondern Sven Sudeck. Und da Sven und ich uns schon ein paar Jährchen kennen, hat er mich dann gleich mal mit ins Boot geholt – sozusagen als „Margarita-Mutti“. Und ich hab dann gleich die coolen Bräute aus der Marlene Bar, Christin Wutsch und Constanze Geissler mit angeschleppt. Nach und nach kamen dann noch einige Mädels dazu, die großartige Betti zum Beispiel. Ziel der Sache war – zumindest von meiner Seite – ein Netzwerk für Barfrauen zu schaffen, in dem sie sich austauschen können, uneingeschränkte Unterstützung erfahren und natürlich auch viel über Tequila erfahren. Denn auch wenn es gerade irgendwie total in ist, Frauen hinter der Bar zu haben, werden diese immer noch schlechter bezahlt, oft bei Beförderungen übergangen und, machen wir uns nichts vor, nach sexistischen Grundlagen bewertet. Es gibt haufenweise dicke, hässliche, kahle Typen hinter der Bar, aber wenn eine Frau sich bewirbt, ist die erste Frage nicht ob sie was drauf hat, sondern ob sie gut aussieht.

Sierra Margarita Club (Christina Schneider, Bettina Kupsa, Constanze Geissler)

Sierra Margarita Club (Christina Schneider, Bettina Kupsa, Constanze Geissler)

In deiner Bar arbeiten soweit ich weiss nur Frauen. Wählst Du gezielt Bartenderinnen aus oder halten es die Männer einfach nicht lange genug in deiner pinken Bar aus? Wie ist das Arbeitsklima bei euch?

Ja, bei mir gibt’s nur Mädels. Wir hatten mal nen Mann, aber der ist mittlerweile weitergezogen. Ich mag es einfach sehr mit Frauen zu arbeiten. Da gibt es deutlich weniger Brustgetrommel und mehr Miteinander. Bei mir macht jeder alles. Vom mixen bis zum Gläser polieren. Da ist kein Platz für Superstars mit Megaego. Und das ist nunmal bei Männern hinterm Tresen oft sehr verbreitet.
Unser Arbeitsklima…ist das beste an dem Job. Ob Du’s glaubst, oder nicht, aber in dem einen Jahr, das es uns jetzt gibt, hat es noch kein einziges mal Streit im Team gegeben. Wir sind ne Familie. Jede von uns würde sich für die andere nen Arm abhacken lassen. Ich weiß nicht, ob ich den Job noch machen würde ohne meine Mädels.

Envy Bar (Quelle: Gizmag.com)

Envy Bar (Quelle: Gizmag.com)


Wenn ich mir die Cocktailkarten der Envy Bar und auch der Shochu Bar anschaue fällt mir auf das du gerne mit Tequila, Shochu und Sake arbeitest. Was schätzt Du an diesen Spirituosen? Hast Du schon vor deinem Job in der Shochu Bar mit Sake und Shochu gearbeitet?

Weiter im Text. Bei der Frage, nach unserer Karte muss ich dich ein wenig korrigieren. Shochu gibt’s nicht in der envy Bar. Hab ich nicht wirklich viel für übrig. Deshalb beziehe ich mich jetzt mal nur auf Tequila und Sake. Ja, den Sakevirus hab ich mit tatsächlich in der Shochu Bar gefangen. Ich mag Wermut, Sherry und Port sehr gerne und bei Sake gibt es da einige Parallelen. Überhaupt zu Wein. Nur dass beim Sake die Vielseitigkeit der Aromen noch größer ist. Ich liebe die Leichtigkeit und die Komplexität von Sake.
Tequila ist für mich – neben Rum – die ideale Mixspirituose. Tequila ist eine extrem vielseitige Spirituose mit Charakter, mit Körper, mit Ecken und Kanten und doch gibt es nahezu keinen Drink der nicht mit Tequila funktioniert – natürlich vorausgesetzt man nimmt den richtigen für den Drink.

Bei Facebook hast Du vor kurzem die Gruppe „Bar Jobs“ ins Leben gerufen. Die Resonanz ist riesig. Täglich gibt es neue die neue Jobs suchen und anbieten. Anscheinend hast Du damit ein hervorragendes Medium zur Jobvermittlung gefunden. Hast Du schon Resonanz von Leuten bekommen die einen Job oder einen Angestellten über die Gruppe gefunden haben?

Bar Jobs, ja das hat mich echt umgehauen. Wie schnell da die ersten Jobs gepostet wurden und wie viele…unglaublich. Da soll noch mal einer sagen es gäb keine Jobs. Ob sich darüber schon glückliche Päärchen gefunden haben, weiß ich leider nicht. Die tatsächliche Kommunikation läuft ja wahrscheinlich eher über Mail als öffentlich.

nhow berlin (Quelle: ehotel.com)

nhow berlin (Quelle: ehotel.com)

Durch die Onlinekommunikation ist alles sehr kurzlebig und unpersönlich geworden. Heute prallen regelmässig tausende von Meinungen in kürzester Zeit aufeinander und das Niveau in Foren, Kommentaren und auf Facebook ist nicht immer das beste. Ich denke da z.B. an „Frau Schneider schindet die Trinkkultur“ und die Ursprungsdiskussion fällt mir schon gar nicht mehr ein. Wie stehst Du zu den sozialen Medien? Segen oder Fluch für die Barwelt?

„Frau Schneider schindet die Trinkkultur“, weil ich die Wünsche meiner Gäste respektiere…ach, ich fand das sehr erheiternd. Überhaupt sollte man das alles nicht so ernst nehmen. Klar, das geschrieben Wort scheint immer härter als das gesprochene und verschwindet (leider) auch nicht so schnell. Trotzdem ist das ganze Gezoffe ja meist halb so wild und oft auch nichts anderes als verbales Tennis. Ich find’s amüsant.
Außerdem sind die Blogs und auch FB großartige Marketingtools. Für Bartender, die sich dort richtig präsentieren zahlt die Industrie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ne Menge Kohle, was an sich ja ne schöne Sache ist wenn man’s gut für sich nutzt.
Andererseits kann diese Facebooksache einen auch richtig in den Arsch beißen. Wenn man sich nicht zu jeder Zeit bewusst ist, wer da so alles liest, was man in die virtuelle Welt herausposaunt kann das schonmal ein böses Erwachen geben.

Unter schneiders-gesammelte-gruetze.de findet man auch einen Blog von Dir. Was motiviert dich zum schreiben und was ist der Anreiz einen Artikel zu posten?

Schreiben…würde ich gerne mehr und öfter (Du siehst, es hat sich bisl was angestaut). Mich motiviert ganz einfach der Spaß daran, auch der Spaß an der Sprache. Nicht nur am bloßen Vermitteln von Informationen. Ich will in erster Linie unterhalten. Manchmal auch provozieren. Denn nur so kann man eine Diskussion anstoßen. Leute zum Denken bringen. Oft sind es auch die Sachen, über die jeder hinter vorgehaltener Hand lästert, die aber keiner laut ausspricht, die mich zum Schreiben bringen. Ich hab so einen unerklärlichen Drang mich immer wieder unbeliebt machen zu müssen… ;)

Was sind für dich Träume oder Ziele die du dir in den nächsten Jahren noch beruflich und/oder privat erfüllen möchtest?

Träume und Ziele…bin eigentlich im Moment ganz glücklich mit dem beruflichen Status Quo. Aber klar, irgendwann wird’s weiter gehen müssen. Noch’n Opening würde ich gerne machen. Ein größeres, vielleicht für den ganzen F&B Bereich. Nach ner eigenen Bar steht mir so garnicht der Sinn. Ich gebe lieber das Geld anderer Leute nach meinen Vorstellungen aus als meine Vorstellungen meinem schmalen Geldbeutel anzupassen.
Vielleicht auch irgendwann mal Industrie wenn ich alt und müde bin (okay, wenn ich noch älter und noch müder bin).
Privat? Was ist das?

Christina Schneider bei den Havana Club Bar Giants 2006

Christina Schneider bei den Havana Club Bar Giants 2006

Nun noch mal kurz zurück zu den Cocktails. Bartenders Choice. Ich hätte gerne einen Cocktail mit Shochu, einen mit Sake und einen mit Tequila. Der Rest bleibt Dir überlassen und ich habe keine besonderen geschmacklichen Vorlieben. Kannst Du mir und den Lesern drei Cocktails inkl. Rezept empfehlen?

Drinks…wie gesagt, Shochu mach ich nicht. Ich würde dir einfach als dritten Drink nen Rumdrink mit reinpacken, in den ich gerade total verknallt bin.

Tequila: Punto Verde

  • 5cl Extra Anejo Tequila
  • 3cl Punt e Mes
  • 1cl Charteuse Jaune

Stir, Coupette, Orangenzeste

Sake: Rapture

  • 7cl Honjozo Genshu Sake
  • 1cl Feigensirup
  • 1cl PX Sherry
  • spray Mozart Schokobitter (wirklich nur nen Hauch ins Rührglas sprühen sonst macht die Schokolade die filigrane Aromatik vom Sake total platt)

Stir, Coupette

Rum: Cherry Pop

  • 5cl Blue Bay
  • 1cl Trois Rivieres Blanc 55%
  • 2,5cl frische Limette
  • 2,5cl hausgemachtes Kola Tonic*
  • 2 BL Sauerkirschmarmelade

Shake, finestrain auf Crushed Ice in ner Tiki Mug
Sternanis, Orangenzeste, Minze und Kirsche

*Kola Tonic: 1Liter Red Bull Cola mit 1 Zimtstange, der Schale einer Orange, 1 Sternanis, gute Prise Muskat, 2EL Zucker und 6cl fischer Limette auf ca 100ml einköcheln lassen

Was motiviert zu deiner täglichen Arbeit und macht dich glücklich und was kann dich gelegentlich zur Weißglut treiben?

Motivation, das ist einfach: wirklich nette Gäste, glückliche Gäste.
Weißglut, auch einfach: wenn Idioten ohne Manieren meine Mädels anmaulen und ich sie dafür nicht im Klo ersäufen darf, weil wir ja im Hotel arbeiten.

Nun kommen noch schnell die drei Standardfragen.

Was war dein zuletzt getrunkener alkoholischer Drink?

Jetzt aber in aller Kürze, versprochen:
letze(r) Drink(s) war(en) gestern Abend Ardbeg Ten und ein Tannenzäpfle simultan

Welche 3 CDs findet man bei Dir regelmässig in deinem CD-Player?

Immer wiederkehrende Musik:
Incubus, Morning view
Ezio, Black boots on latin feet
Pearl Jam, Ten

Möchtest Du noch irgendwas loswerden?

Noch was loswerden…ich glaub ich hab eh schon übertrieben!

Das war’s! Nun ja…wer viel fragt, kriegt auch viele Antworten.

Viel Spaß damit und rosa Grüße!

Christina, vielen Dank für das Interview.

 

Informationen:

Schneiders gesammelte Grütze Blog

nHow Berlin

 

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