Interview mit Tom Zyankali (Zyankali Bar)

Hi Tom. Bevor wir in die Einzelheiten gehen wäre es super wenn Du ein paar Worte über Dich erzählen kannst (inklusive aller oder einiger schmutzigen Details). Wie bist Du in das Barleben gerutscht? Was hast Du vorher gemacht?

Gibt es 1 Leben vor/außerhalb des Barlebens? Lol!
Ich bin gelernter Chemotechniker und habe in der Lebensmittelüberwachung und in der Umweltanalytik gearbeitet. Ins Barleben gebracht hat mich unter anderem die Schumann-Bibel. Die war mir vom Anspruch zu steif und von den Rezepten zu süß & saftig.

Du bist Inhaber der Zyankali Bar in Kreuzberg die sich auch optisch von allen mir bekannten Bars absetzt. Du bietest hochwertige Cocktails an, zu fairen Preisen und setzt dich mit deiner Punkrockattitüde erfrischend von anderen Bars und Bartendern ab. Wie kam es zu dem Konzept und zu der Eröffnung der Zyankali Bar? Warum Kreuzberg?

Das Problem damals war, das außerhalb von Hotels kaum Bars existierten, die den Namen nach heutigen Ansprüchen verdient hätten. Hotelbars waren mir zu steif und zu teuer, in den Läden in denen ich mich wohl gefühlt habe wiederum n anständiger Gin-Tonic zu anspruchsvoll.
Die Idee war also, gute Drinks in lockerer Atmosphäre und für Normalsterbliche bezahlbar an zu bieten.
Bei mir kommt Hr Dr. Vorstandsmitglied des DAX-Unternehmens als ganz normaler Gast, ohne Krawatte und Männchen machen, raucht sein Zeug (vor der Tür) und bekommt dazu seinen Lieblingdrink
Gleichzeitig war ich genervt von meinen damaligen Arbeitsstrukturen, die zu viel meiner Freizeit kosteten und keinen Platz für eigene Ideen ließen. Ich hatte damals 1 Nachbarin mit nem Cafe am Paul-Linke-Ufer und als wir uns unter deutlichem Raucheinfluß gegenseitig über unsere Arbeit auskotzten entstand die Idee: 1 Laden der Zyankali heißt, gute Drinks in Laborgläsern serviert und wo jeder sich wie zu Hause fühlen kann, ohne Maske, Dresscode oder dicke Brieftasche. Das dafür nur Kreuzberg in Frage kam, war klar.
Wir wollten und werden niemals Schickimicki sein, da würden wir uns als Gast nicht wohl fühlen, erst recht nicht so arbeiten wollen.
Hier geht’s nicht um den Businessplan, dann wär ich bestimmt nicht in die Gastronomie gegangen, vorher hab ich das doppelt in der halben Zeit verdient, aber nicht MEINS gemacht…
Es war immer wichtig, das ICH mich bei der Arbeit wohl fühle, ich bin schließlich der einzige der nicht gehen kann…Und im Gegensatz zu davor hatte ich seitdem extrem selten einen nervigen Arbeitstag oder Hirnblutungen von zuviel Schwachsinn hören
Berlin ist groß genug das egal wie du drauf bist immer ein paar da sind, die ähnlich drauf sind und auch genügend Ausweichmöglichkeiten für die anderen.
Das „trashige“, NICHT PUNKIGE Ambiente ist teils der Publikumsstruktur und dem Kiez geschuldet, zum großen Teil aber auch dem Umstand, dass das ganze OHNE Startkapital und im Eigenbau aus den laufenden Umsätzen entstand/sich entwickelt. Das ist heute noch so, was auch immer sich hinter der Eingangstür findet ist selbst gemacht/finanziert, bis runter zu Bauarbeiten

Zyankali Bar



Eines deiner ersten eigenen Produkte war der Zyankali Absinth. Gefielen dir andere Produkte nicht so gut, oder hat es Dich einfach gereizt einen eigenen Absinth zu machen?
Wie kam und kommt der Absinth bisher an? (leider konnte ich ihn bisher tatsächlich noch nicht selber probieren)

Als ich den Laden übernahm, der schon seit 1961 Gastro war, war´s der Absturzladen im Kiez, wo alles gelandet ist was woanders Hausverbot hatte. Da die Lage damals schon „eher randständig“ war, war klar das Alleinstellungsmerkmale her mussten (ICH war damals noch keins,lol).
Gleich um die Ecke wohnte einer der 3 damaligen Chefs der „BierCompany“ und so war klar, 1 eigenes Bier kam an den Hahn, nach meinem Geschmack exklusiv für uns gebraut (Naturtrübes , dunkles Bock mit ~ 8%)
Aufgrund der hohen Psychedelika-Affinität vieler unserer Gäste war dann nach Aufhebung des Verbots 1998 auch klar, dass wir Absinthe führen und zwar nicht nur den für Warmduscher.
Als mein Absinth-Großhändler auf Grund unseres Durchsatzes fragte ob wir schon mal über einen eigenen nachgedacht hätten, war die Sache klar: cyanfarben sollte er sein, Bittermandelaroma haben (–> Zyankali), wg. unbeliebt keinen Anis enthalten und wenn wir´s dann schon aussuchen können die „böse“ 66(,)6 in den Prozenten.
Absinth hat sich schnell zu unserer Hauptspirituosenklasse entwickelt, noch vor Gin & Rum.

Zyankali Absinth

Zyankali Absinth


Wir haben die Tage ja schon mal kurz bei Facebook gequatscht und sind irgendwie auf deine neuen Aromasprays gekommen, von denen ich mir auch direkt drei zugelegt habe. Tannennadel z.B. finde ich großartig. Wie bist Du auf die Idee gekommen Aromasprays herzustellen? Kannst Du ein wenig einem Laien wie mir begreiflich machen wie die Herstellung von deinen knapp 50%igen Aromadestillaten funktioniert?

Angefangen hat das Ganze, abgesehen davon, dass ich im Labor nach ähnlichen Verfahren gearbeitet habe, mit einer Unzufriedenheit mit Preis/Qualität und Verfügbarkeit von Falernum.
Ich habe ein wenig gegooglet und div Rezepte gefunden, die aber alle auf süßliche Mazerate hinausliefen. Aber hatte ich da nicht noch Extraktionsequipement im Keller liegen???
Also kurz überlegt was ich drin haben wollte und rechtzeitig zum letzten Rumfest die erste Charge produziert. Dort habe ich dann ein paar Leute probieren lassen, durchweg positiv bewertet. Als ich dann Beachbum Berry 1 Fläschchen gab und er es in seinem Zombie-Workshop lobend erwähnt und verwendet hat, war klar dass ich keinen Fehler gemacht habe. Seitdem extrahiere ich so ziemlich alles was wir vor den Kocher kommt und aromatisch ist, mit besonderem Augenmerk darauf, dass es keine (anderen) kommerziellen Produkte mit diesem Aroma gibt und ich KEINE Bitterstoffe drin habe. Meine Extrakte sind reine alkoholische Extrakte aus frischen Zutaten in maximaler Konzentration, so dass sie teilweise deutlich intensiver als das Ausgangsmaterial sind und sehr sparsam dosiert werden können.


Wo können Leute deine Produkte kaufen?

Im Moment nur direkt bei mir, ich habe bei Fachveranstaltungen meistens 1 kleines Köfferchen dabei, bzw. via Facebook oder am Tresen, die Kundschaft besteht zur Hälfte aus Barkeepern, zur Hälfte aus Köchen.


Bevor ich deinem Wunsch nach einem nicht jugendfreien Interview nachkomme noch kurz eine fachliche Frage. Du bist seit kurzem im Kräuterzirkel aktiv. Erzähl doch mal bitte worum es da genau geht und was Du dort machst.

Als TeamSpirit-Kräuterpate befasse ich mich mit dem Wissen um und der Mixability von Kräuterspirituosen (aus dem TeamSpirit-Portfolio) und dessen Weitergabe.
Dieses Wissen erhalte ich durch Brennereibesuche und im direkten Austausch mit den jeweiligen Produktentwicklern, auch hierbei kommt mir meine „Vorbildung“ sehr zu Nutze.
Ich promote die Drinks sowohl auf Fachmessen und -Treffen als auch im Rahmen von In-House-Schulungen, für die ich den deutschsprachigen Raum bereise

Tom Zyankali

Tom Zyankali



Denken wir uns doch mal alle störenden deutschen Gesetze weg und nehmen wir an wir befinden uns in einer gut funktionierenden gesetzeslosen Gesellschaft. Wie würde sich das auf die Zyankalibar auswirken und was könntest und würdest Du gerne umsetzen was momentan nicht möglich ist?

Ich würde mehr mit Highlkräutern arbeiten wollen, da gibt’s einiges mehr als das was wir gerade dürfen
(Wir haben Likör aus Kokablättern, Alraunenschnaps & Absinth)
Laudanum, Pilze, Mutterkorn, Ephedra etc…. 1 Blick in fast jedes Heilpflanzenbuch eröffnet Welten….
Ich würde in einer Welt ohne böse Nachbarn und zugereiste Schwaben Kleinkunstabende und Wohnzimmerkonzerte veranstalten


Sex, Drugs & Rock´n´Roll … häufig erwähnt und selten gelebt. Ich hätte von die gerne drei kurze Statements (gerne auch Geschichten) zu jeweils Sex, Drugs & Rock´n´Roll in Bezug auf die Zyankali Bar.

Häufig gelebt, selten erwähnt triffts eher…
Sex: Ich wüßte nach fast 21 Jahren kaum eine Stelle, die nicht zum Sex herhalten mußte, durchaus auch im laufenden Betrieb, sehr zur Unterhaltung anwesender Touris (- mein schönstes Ferienerlebnis,lol).
Wir hatten div. Swinger/Fetisch-Parties sowie BodySlime© -catchen mit 300l Slime im Planschbecken, seitdem auch ne Dusche auf den Toiletten….
Gelegentlich strippt jemand mehr oder weniger alkoholisiert auf dem Tresen und wer als Frau sein Bier oben ohne trinkt, als Kerl ohne Hose, braucht´s nicht zu bezahlen („Beer for tits – all others pay cash“ – Alte Regel aus Bikerzeiten).
Drugs: Na aber Hallo
Inzwischen nicht mehr so ein breites (sic) Spektrum, aber gehört natürlich zum Nacht/Partyleben, ganz früher, als das Zeug noch nicht so gepanscht war, bis hin zu Acid-Bowle für Stammgäste auf Jubiläumsparties.
Ein gutes Gras wird heute noch gern gemäht….
Rock´n´Roll: Never too old!
Hören wir gerne leben wir genau so gerne.
Bekanntster Musiker in unserern Hallen: Kurtis Blow in den späten 90ern mit Crew nach nem Konzert und bis morgens um 9 (A lotta blow involved, hehehe)
Bekanntester musikalischer Stammgast (Axel K (Silke Bischoff))


Du darfst dir hier gerne eine Frage stellen (und beantworten), die Du schon immer mal beantworten wolltest: …

Wann werde ich endlich halbwegs stabil davon leben können????
(Wenn ich mir die Haare schneide und lerne nen Bückling zu machen (Also nie!)!)

15 men on a dead mens chest and a bottle of cyanide...

15 men on a dead mens chest and a bottle of cyanide…



Auch von Dir hätte ich gerne heute eine virtuelle Cocktailbestellung von drei Cocktails (mit Rezept). Gerne einen Drink mit deinem Absinth, einen Drink mit Tannennadelspray und dazu noch einen deiner Lieblingscocktails ohne eines deiner Produkte.

State of Euphoria
(von Tino Hiller, Reingold, Sieger beim Zyankali Absinth Wettbewerb zur Produkteinführung)
6-8 Basilikumblätter (oder 4 Sprayer Zyankali Basilikum Extrakt)
4cl Zyankali Absinth
2cl Mandarine Napoleon
1cl Vanillesirup
2cl Limejuice


Den Basilikum anmuddeln, mit den anderen Zutaten hart shaken , finestrainen und mit etwas Soda auffüllen.

Eté en Provence
4cl G´Vine Nouaison
2cl L´Esprit de June
2 Sprayer Zyankali Absinth
2 Sprayer Zyankali Tannennadel Extrakt


Gerührt, ins Martiniglas oder Tumbler mit Eiskugel gestraint und mit nem angeklatschen Lavendelzweig verziert

Tamarotti
1 Barlöffel Tamarinden-Dattel Chutney
2cl weißer Schokosirup (Giffard)
4cl brauner Rum (Old Monk)
4cl Möhrensaft
2-3 Sprayer Habanero-Balsamico


Geschüttelt und finegestraint

Zyankali Labor

Zyankali Labor



Was wünscht Du der deutschen Barlandschaft für die Zukunft?

Geschmacklich anspruchsvollere Gäste mit weniger Schickimicki
Weniger Sex-on the Beach
Keine Fragen wie mehr wie „Wie groß ist denn das?“, oder „Was knallt denn am meisten?“


Nun kommen noch schnell die drei Standardfragen.

Was war dein zuletzt getrunkener alkoholischer Drink?

Auchentoshan 12years. Gestern zum Feierabend

Auf welche drei Musikalben könntest Du nicht verzichten?

Grobschnitt – Solar Music
Carl Orff – Carmina Burana
Miles Davis – The Columbia Recording Sessions


Möchtest Du noch irgendwas loswerden?

Meine Mietschulden
Den Nachbarn über mir



Tom, vielen Dank für das Interview.


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Tom Zyankali

Tom Zyankali

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